17. Tag (01. Februar 2020)

Der Wecker klingelt lange vor dem eigentlichen Wecken. Ich schaue durch das Bullauge nach dem Wetter. Es ist trüb und nebelig. Soll ich nun wirklich aufstehen? Ich gebe mir einen Ruck, ziehe mich an, nehme die Jacke vom Haken und gehe an Deck. Auf der Backbordseite ist die Sicht klarer, und man kann die Küstenlinie gut erkennen. Ich bin nicht der Einzige an Deck, es wird aber nicht gesprochen, sondern die Leute schauen nur. Von der Tierwelt ist außer ein paar Vögeln nichts zu sehen. So betrachte ich die Eisberge und das Eisschild auf der Insel Joinville. Dann, als fast alle anderen auch wach sind, tauchen vor uns Orcas auf, vermutlich drei Tiere. Sie ziehen ganz ruhig ihre Bahn und beachten uns gar nicht. Nach zwei Stunden an Deck gibt es Frühstück und ich gehe wieder ins Warme. Aber nicht lange, da im Wasser und auf den Eisbergen an denen wir vorbeifahren immer mehr Pinguine zu sehen sind. D.h. wir kommen unserer Landungsstelle immer näher.

Auf zwei Eisschollen, die wir passieren, sind je eine Robbe zu erspähen. Sie liegen recht müde da und ruhen sich aus. Noch nicht einmal den Kopf bewegen sie, als wir vorbeifahren. Ganz im Gegensatz dazu die Pinguine: Als wir einen sehr großen Eisberg passieren, auf dem sich Dutzende von ihnen aufhalten, geraten diese in helle Aufregung als wir uns nähern. Die ganze Horde setzt sich in Bewegung und rennt die steile Flanke hinunter, um sich aus mehreren Metern Höhe in Wasser zu stürzen. Es ist einfach ein tolles Schauspiel, und man kann deutlich sehen, dass Pinguine doch fliegen können.

Wir erreichen unser Ziel Paulet Island. Es ist eine Insel vulkanischen Ursprungs, weshalb sie weitgehend eisfrei ist und damit natürlich der ideale Ort für eine riesige Kolonie von Adélie Pinguinen, welche rund 100.000 Paare beheimatet. Darüber hinaus nisten auch zahlreiche Seevogelarten hier.

Es klart etwas auf und die zahlreichen riesigen Eisberge um uns herum beginnen blau zu leuchten. Auf allen Eisbergen sind Pinguine zu sehen, und als wir den Anker fallen lassen, führt das auf den nahegelegenen Eisinseln zu hektischer Bewegung unter den Tieren.

Wir machen uns für die Landung fertig, warten an der Gangway und besteigen dann die Zodiacs, um an Land zu gehen. Wir folgen wieder der abgesteckten Route, die zu den Überresten einer Steinhütte führt. Während neun Monaten überwinterte hier die Mannschaft einer schwedischen Antarktisexpedition, nachdem ihr Schiff im Packeis zerquetscht worden war. Heute nisten Pinguine auf den übrig geblieben Grundmauern der Ruine.

Wir bleiben für mehr als zwei Stunden an Land und spazieren um die Kolonie herum, wobei es sehr viel zu beobachten gibt. Manchmal denkt man, es sei eine Theateraufführung mit ganz unterschiedlichen Rollen und Darstellern. Sehr unterhaltsam. Wir beenden den Vormittag mit einer Mini-Zodiac-Fahrt, bei der wir uns den Eisbergen nähern, auf denen die Pinguine saßen. Aus nächster Nähe beobachten wir, wie sie ins Wasser oder wieder in umgekehrter Richtung auf den Eisberg springen.

Ich verkürze das Mittagessen und begebe mich bei strahlendem Sonnenschein gleich wieder an Deck. Die Plancius hat natürlich wieder Fahrt aufgenommen und währenddessen treffen wir immer wieder auf zahlreiche Pinguine, die im Wasser schwimmen. Es ist immer eine große Herausforderung diese genau dann zu fotografieren, wenn sie für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Wasser kommen um Luft zu holen.

Während der Fahrt quer über den Sound zurück nach Brown Bluff ist die Aussicht heute sehr schön. Als wir uns jedoch der anvisierten Landungsstelle nähern, zieht es immer mehr zu, und das Leuchten des Eises geht immer mehr in ein einheitliches Grau über. Wir passieren einen recht großen Tafeleisberg, und auch das Treibeis hier nimmt immer mehr zu. Aber unser Kapitän findet einen Weg und eine geeignete Stelle, um vor dem Strand zu ankern.

Ich stehe oben auf der Steuerbord-Nock, als der Kapitän von der Brücke rauskommt und mich drauf hinweist, dass gerade in einiger Entfernung an einem Eisberg große Teile abbrechen und der Koloss sich in Bewegung setzt um wieder eine stabile Lage zu finden. Ziemlich beeindruckend wie langsam aber doch sehr mächtig die Bewegungen sind.

Nachdem die Zodiacs startklar sind geht die Fahrt wie in einem Labyrinth zwischen den Eisbrocken hindurch, die sich vor dem Strand angesammelt haben. Als wir unseren Fuß an Land setzen betreten wir das Antarktische Festland und damit erstmals den Kontinent. Andreas, unser Glaziologe bietet eine Wanderung auf den Gletscher an, aber ich habe kein Interesse und will mir nur die beiden Kolonien am Strand anschauen. Es gibt nämlich neben der größeren Adélie-Kolonie auch noch eine kleinere Kolonie körperlich größere Eselpinguine. Herrlich anzuschauen, wie sich beide Arten im Verhalten zwar gleichen, sich jedoch gerne aus dem Weg gehen.

Während ich noch am Strand entlang gehe setzt Schneetreiben ein. Zwischen den Eisbrocken ist eine Robbe zu sehen. Es ist vermutlich sogar ein Seeleopard, aber da er sich ziemlich gut versteckt können wir das Tier nicht sicher identifizieren.

Als die Wanderer wieder vom Gletscher zurück sind wird ein sogenannter „Polar Plung“ veranstaltet: Die Mutigsten können hier am Strand, bei 0°C Wassertemperatur, schwimmen gehen. Und tatsächlich finden sich mehr als ein Dutzend Leute, die sich in die Fluten stürzen. Ich verzichtete auch dieses Mal darauf und mache den Reißverschluss meiner Jacke ganz zu während ich das eiskalte Treiben beobachte.