4. Tag (05. Oktober 2019)

Ich habe ausgeschlafen und gemütlich gefrühstückt, danach meine Sachen wieder zusammengepackt und bin losgefahren. Zuerst nach Bergün, dem Nachbarort, der aber schon ein paar hundert Meter höher liegt. Die Passstraße vor Bergün ist regelrecht an den Berg geklebt worden und windet sich an einer steilen Felswand hoch. Diesen Anstieg überwindet die Bahn über das Landwasserviadukt und durch zwei anschließende Kehrtunnel. In Bergün habe ich dann das Albula-Bahn-Museum besucht und mir angeschaut wie die Strecke gebaut wurde und wie sie sich über das Jahrhundert entwickelt hat.

Interessant war, dass die Strecke aus Wettbewerbsgründen gebaut wurde, weil bereits die Gotthard-Strecke im Westen und die Brenner Bahnstrecke im Osten fertig waren, und die Menschen befürchtet hatten, wirtschaftlich im Transit nach Italien und sogar ins Engadin verdrängt zu werden. Private Geldgeber finanzierten die Bahnstrecke, und zu meiner Überraschung wurden bereits damals zahllose Varianten der Streckenführung erarbeitet und dann auch wieder verworfen, bis die heutige Trasse dabei herausgekommen ist. Der Bau selbst hat dann nur sechs Jahre gedauert, inklusive des fast 6km langen Albulatunnels, dem höchstgelegenen Scheiteltunnel der Alpen. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, dass ein Bauvorhaben dieser Größe in so kurzer Zeit realisiert wird, obwohl wir heute viel mehr und leistungsfähigere Maschinen zur Verfügung haben.

Ebenso interessant zu erfahren war, dass die Albulastrecke als Lastenstrecke mit geringerer Steigung und relativ großen Kurvenradien gebaut wurde, um schwere Lasten transportieren zu können, während im Gegensatz dazu die Berninastrecke als rein touristisch genutzte Ausflugsstrecke geplant und gebaut wurde. Das erklärt warum die Berninastrecke so enge und damit spektakuläre Kurvenradien, so viele Steilstrecken und auch keinen Scheiteltunnel besitzt.

Ich fahre den Albula Pass weiter hinauf und schaue mir die vier Albulaviadukte an, die kurz hintereinander das Tal überspannen. In Preta verschwindet die Bahnstrecke dann im Scheiteltunnel. Hier sieht man auch die großen Anlagen und Maschinen, die zum Neubau des Albulatunnel-II gebraucht werden, der in zwei Jahren in Betrieb gehen soll und den existierenden und maroden Tunnel ersetzen wird, der jedoch später als Rettungsstollen eine neue Funktion erhält.

Von hier steigt die Passstraße noch weiter an bis zu ihrem höchsten Punkt auf 2.315m Höhe. Ich mache dort eine kurze Pause und genieße die Aussicht. Der Wind bläst hier oben schon recht kräftig, und so mache ich mich auf den Weg nach unten. Das Wetter ist deutlich besser als erwartet. Es ist heiter und die Sonne schaut immer mal wieder hinten den Wolken hervor.

Ich erreiche dann St. Moritz mein heutiges Ziel im Engadin, was ich mir anschauen möchte. So stelle ich das Auto ins Parkhaus und begebe mich über lange Rolltreppen ins Dorf hinauf. Es ist natürlich ziemlich ausgestorben, da momentan keine Saison ist. Deshalb sind auch viele Geschäfte dauerhaft geschlossen und werden erst wieder im Dezember öffnen. Aber nichts destotrotz kann man schon auf den ersten Blick erkennen, wie mondän das Dorf doch ist. Sehr viele Luxusgeschäfte reihen sich wie auf einer Perlenschnur aneinander, und in den Schaufenstern werden Preise aufgerufen, die jenseits des alltäglichen sind.

So schlendere ich ziellos durch die Gassen, schaue mich um und treffe durch Zufall auf einen kleinen Wanderweg der den Berg hinaufführt. Diesem folge ich in der Hoffnung auf eine gute Aussicht auf St. Moritz. Es geht die ganze Zeit durch einen lichten Wald, jedoch ohne Aussicht und so steige ich einfach weiter, bis ich schließlich oberhalb von St. Moritz an der Mittelstation der Standseilbahn raus komme. Nun habe ich meinen Ausblick auf das Dorf, den See und die umliegenden Bergen. Ich gehe anschließend die Straße wieder ins Dorf hinunter, währenddessen ich mir die Luxus-Chalets am Wegesrand anschaue.

Unten angekommen fahre ich noch kurz nach St. Moritz-Bad und werfe einen Blick von der anderen Seeseite auf St. Moritz, bevor ich den Maloja Pass hinunter nach Italien fahre. Ich bin auch hier wieder sehr beeindruckt, wie sehr die Straße an die Steilwand gepresst wurde. Es macht echt viel Spaß solche Straßen zu fahren, wenn man Zeit hat. Auf dem Weg ins Tal nach Ciavenna komme ich noch an dem sehenswerten Wasserfall Acquafraggia vorbei. Ich halte kurz und gehe näher heran um mir diesen anzuschauen.

In Ciavenna mache ich einen Stopp um etwas zu esse, und bin sehr überrascht wie hübsch das Städtchen ist, als ich auf der Suche nach einer Pizzeria durchs Zentrum laufe. So habe ich auch dieses Kleinod noch gesehen und fahre dann frisch gestärkt weiter in Richtung meines nächsten Ziels, Zermatt. Ich werde aber heute Abend zuerst noch irgendwo übernachten und erst morgen ins Wallis aufbrechen.

Ich fahre den Splügenpass hinauf und finde, es ist einer der spektakulärsten Pässe im Alpenraum. Die Straße überwindet rund 1.800m und ihre Haarnadelkurven sind so eng, dass es selbst bei vollem Lenkeinschlag nicht zu verhindern ist auf die Gegenfahrbahn zu kommen. Wobei das nicht ganz stimmt, denn die Straße ist so schmal, dass es gar keinen Mittelstreifen gibt. Zudem durchquert man mehrere Tunnel und Galerien, die dicht am Fels kleben. Die einspurigen Streckenabschnitte sind bei wenig Verkehr heute kein Problem und machen viel Spaß. Ich brauche jedoch deutlich mehr Zeit als ich gedacht hatte, und fahre deshalb dann im Anschluss auf der Autobahn und nicht auf der eigentlichen Passstraße den San Bernardino wieder nach Süden hinunter.

Auf der Suche nach einem Hotel steure ich dann wieder die Gotthard-Strecke hinauf, da ich morgen über den Nufenen Pass ins Wallis fahren möchte. Als es bereits dunkel ist werde ich in Lavorgo, auf halben Weg nach Airolo fündig.