2. Tag (03. Oktober 2019)

Es geht wieder einmal früh raus aus den Federn, und kaum bin ich aufgebrochen schon packe ich mein Gepäck um. Weil ich für zwei Tage mit dem Zug unterwegs sein werde lasse ich den Koffer im Auto zurück und packe mir Wechselkleidung mit in den Fotorucksack.

Nach einem kurzen Frühstück fahre ich nach Chur, wo der Bernina-Express startet, mit dem ich heute die Alpen überqueren will. Die Fahrt verläuft trotz Berufsverkehr glücklicherweise ohne größere Staus und so bin ich nach rund einer Stunde fahrt in Chur, stelle das Auto im Parkhaus ab, nehme den Rucksack aus dem Kofferraum, gehe zum Bahnhof rüber und habe noch ausreichend Zeit bis zur Abfahrt des Zugs um mich ein wenig umzuschauen.

Der Zug fährt ein und die zahlreichen Leute auf dem Bahnsteig drängen zu den Waggons. An meinem Waggon steht eine größere, zusammengehörende Gruppe von Leuten mit den größten und zahlenmäßig meisten Koffern und Taschen, so dass das Gepäckfach überfüllt ist und sich die Gepäckstücke dort bis unter die Decke stapeln. Zudem ist gegenüber noch ein ganzer Block mit 4 Sitzen ebenfalls mit Gepäck vollgestellt. Ich frage mich, wie man so viel Gepäck mit sich rumschleppen kann. Es dauert dann eine ganze Weile bis sich alle organisiert haben, aber als der Zug sich schließlich in Bewegung setzt hat jeder seinen Platz gefunden.

Die Bernina-Bahn gehört zum Weltkulturerbe der UNECO und der Bernina-Express mit seinen Panoramafenstern wird deshalb fast ausschließlich von Touristen genutzt, so dass eine frühzeitige Reservierung notwendig ist. Die Strecke führt zuerst kurz am Rhein entlang bevor sie ins Albulatal abzweigt. Sie wurde vor rund hundert Jahren gebaut und ist wegen ihrer zahlreichen aus Stein gemauerten Brücken, darunter das berühmte Landwasserviadukt, wie auch für die häufigen Kehrtunnel bekannt, durch welche die Bahn im Gelände auf kurzer Strecke viele Höhenmeter gewinnen kann.

Das Wetter klart auf, die Wolken verziehen sich und die Sonne scheint, als das Tal immer schmäler wird und die Strecke zu steigen beginnt. Heute Nacht muss es geschneit haben, denn die Gipfel der Berge sind mit frischem Schnee bedeckt, was zusammen mit den grünen Wäldern in tieferen Lagen bei herrlichem Sonnenschein fantastisch aussieht. Ich schaue die ganze Zeit aus dem Fenster. Die Strecke führt über zahlreiche der schön gemauerten Brücken, die man bei engen Kurvenradien aus dem Fenster sehen kann. Dann wird auch schon das Landwasserviadukt über die Lautsprecheranlage angekündigt und der Zug verringert kurzzeitig seine Geschwindigkeit, damit niemand etwas verpasst. Kaum haben wir die Brücke überquert verschwindet der Zug auch direkt in dem angrenzenden Tunnel.

Wir fahren weiter, sehen schöne Bergdörfer entlang der Strecke und durchqueren den Albulatunnel am Scheitel der Albula-Strecke. Dadurch erreicht man das Oberengadin, das Hochtal des Inns, in dem auch St. Moritz liegt. Damit endet auch die Albula-Strecke, und der Zug befährt von nun an die Bernina-Strecke nach Tirano hinunter.

Ich verlasse meinen Platz und finde an einer Wagentür ein kleines Fenster, welches man öffnen kann. Zum Fotografieren natürlich das Beste was passieren kann, weil es keine Spiegelungen in der Scheibe gibt. So stehe ich den Rest der Fahrt an diesem Fenster, genieße den Ausblick und mache viele Bilder.

Aus dem Engadin fährt der Zug den Berninapass hinauf und passiert den Bahnhof Pontresina. Dann erleben wir ein besonderes Highlight der Strecken, nämlich den Ausblick auf den Morteratschgletscher und den Piz Bernina, dessen Schnee und Eis sich gegenüber dem stahlblauen Himmel abhebt und einen traumhaften Kontrast bildet. Wenig später erreichen wir den Largo Bianco, der die europäische Wasserscheide markiert und kurz darauf die Passhöhe bei Ospizio Bernina, dem höchsten Punkt der Fahrt mit über 2.200m.

Dann geht es gleich wieder steil hinunter, und der Zug hält in Alp Grüm, mit der Gelegenheit für einige Minuten auszusteigen, die Beine zu vertreten und den Blick auf das herrliche Alpental zu werfen. Gleich nach dem Verlassen des Bahnhofs durchfährt der Zug die sogenannte Himmelskurve, die einen sehr engen Radius besitzt und direkt am Abhang verläuft. Danach windet sich die Bahn in steilem Gefälle und mehreren Kehren ins Tal hinunter und erreicht bei Brusio einen weiteren Höhepunkt, nämlich das einmalige Kreisviadukt, durch welches der Zug weitere Höhe abbaut. In Tirano fährt dann der Bernina-Express fast als Straßenbahn durch den Ort in den Endbahnhof der Strecke ein, und ich kann es kaum glauben, dass die Fahrt jetzt schon zu Ende ist. Es ging irgendwie alles viel zu schnell.

Es ist wieder merklich wärmer als ich den Zug verlasse und ein einmaliges Erlebnis zu Ende geht. Am liebsten würde ich gleich wieder zurückfahren. Ich genieße das mediterrane Klima und setze mich bei strahlendem Sonnenschein auf die Terrasse einer Pizzeria und esse erst einmal etwas, denn ich habe genügend Aufenthaltszeit, um danach noch etwas durch das Städtchen zu schlendern.

Dann besteige ich das Postauto, welches hier von der Rhätischen Bahn als Intercity nach Lugano betrieben wird. Neben mir sitzt Lauren aus Australien, die in zwei Monaten halb Europa bereist. Wir kommen nett ins Gespräch, während wir die an uns vorbeiziehende Landschaft genießen. Es geht zuerst durch das Adda Tal im Veltlin zum Comer See, an dessen Ufer entlang und dann hinüber an den Luganer See. Damit sind wir wieder in der Schweiz zurück und werden schließlich am Bahnhof von Lugano abgesetzt.

Ich gehe zu meinem bereits im Vorfeld gebuchten Hotel in der Altstadt, lege schnell meine Sachen ab und mache mich dann auf den Weg, um die Uferpromenade zu erkunden. Die Sonne scheint noch herrlich, und so setze ich mich auch für eine ganze Weile auf eine Bank und schaue einfach nur auf den See hinaus.

Lugano besticht durch sein mediterranes Flair, die zahlreichen alten und prunkvollen Gebäude, seinem schönen Park direkt am See und die vielen Luxusläden. Ich schlendere noch ein wenig umher und gehe wieder ins Hotel zurück als es bereits dunkel wird.