9. Tag (16. Februar 2014)

Kibo Hut in Sichtweite

Kibo Hut

Blick auf den Sattel

Gilmans Point 5.685m

Zelte an der Kibo Hut

Marangu Route

Horombo Hut

Gegen 23.00Uhr herrscht Aufbruchsstimmung im Camp. Eine asiatische Gruppe will wohl den Berg mit Geschrei und Hurra Rufen erstürmen. So ist an Schlaf nicht mehr zu denken und 45 Minuten später stehe auch ich auf. Als ich den ersten Blick aus dem Zelt wage, sehe ich einen sternenklaren Himmel, der fast noch volle Mond spendet viel Licht und beide Gipfel präsentieren sich wolkenlos. Super, besser kann man es sich nicht wünschen! Um kurz nach Mitternacht beginnt mein Tag um den Gipfel zu erklimmen. Wir beginnen den Aufstieg, Derek trägt meinen Tagesrucksack und ein Träger ist noch zur Absicherung mit dabei. Wir finden von Anfang an die richtige Geschwindigkeit und kommen gut voran. Der Mond leuchtet so hell, dass wir keine Stirnlampen brauchen.

Nach rund zwei Stunden überholen wir die asiatische Gruppe, in der es bereits die ersten Ausfälle und Aufgaben gibt. Je höher wir kommen desto mehr reduziert sich meine Geschwindigkeit. An dem hausgroßen Lavabrocken namens William’s Point in rund 5.100m Höhe machen wir die erste etwas längere Pause. Nach der Hans Meyer Höhle in rund 5.200m beginnt der Zick-Zack-Weg, der bis zum sehr steilen Schlussanstieg führt. Hier besteht der Weg aus losem Schotter, was den Anstieg nicht gerade vereinfacht. Ich bekomme durch die Höhe nun Schwindel und verwende meine Stöcke um mehr Halt zu finden. Dabei kommen wir immer langsamer voran. Die Pausen werden nun häufiger und auch länger. Das einzige worauf ich mich konzentriere sind die Schritte meines Vordermanns. Viel anderes nehme ich kaum noch wahr. Wir lassen nun den Zick-Zack-Weg hinter uns und es folgt der letzte, sehr steile Anstieg zum Kraterrand. In weiteren 1 ½ Stunden sollte es zu schaffen sein. Hier kann man fast sagen, dass nach fünf Minuten gehen, zwei Minuten stehen angesagt sind. Man will eigentlich nur noch umdrehen. Die Beine und die Lunge schreien danach, nur der Kopf sagt: „Wir machen weiter!“

Jetzt setzt leichter Schneegriesel ein, aber der Mond ist noch gut zu erkennen. Gleich wird es geschafft sein. Plötzlich wird es dunkler, ich muss doch noch meine Stirnlampe aktivieren, um zu sehen wo es langgeht. Zwei helle Blitze zucken direkt über uns und der Donner ist recht laut. Es setzt unmittelbar Schneefall ein und als wir wenig später den Kraterrand am Gilman’s Point erreichen herrscht Schneesturm. Um 05:30Uhr habe ich es geschafft. Ich bin oben auf 5.681m! Ich bin fertig. Der Sonnenaufgang lässt noch rund eine Stunde auf sich warten. Nun gleich in der Dunkelheit abzusteigen geht also nicht. Der Schnee wird waagrecht in die Augen getrieben und die Temperatur ist merklich gefallen. Die Klamotten reichen aber noch aus. Derek will unbedingt noch weiter zum höchsten Punkt, Uhuru Peak. Es wären noch drei Stunden hin und zurück. Bei dem Schneesturm! Eine andere Gruppe, die direkt vor uns, unter der Leitung von Billi Bierling, einer deutschen Everest Bezwingerin, ist, will dort noch hin. Wir schließen uns erst einmal an. Mir ist aber nicht ganz wohl bei der Sache. Kopfweh, Schwindel und ein ausgeprägtes Müdigkeitsgefühl sagt mir, dass ich nur noch absteigen will. Ich spreche mit Billi über die Situation und frage nach ihrer Einschätzung. Als sie dabei Schnee auf meiner Nase sieht zieht sie noch schnell eine Sturmhaube aus ihrem Rucksack und gibt sie mir. Echt nett! So fasse ich den Entschluss bei diesem Wetter kurz vor Stella Point umzudrehen und abzusteigen, dabei lasse ich die Gruppe weiterziehen. Zwischenzeitlich ist es auch hell geworden. Der Schnee hat alle Spuren verwischt, die wir vor wenigen Minuten hinterlassen haben, und es ist auch kein Pfad mehr zu erkennen. Derek weiß aber wo es langgeht, schließlich war er bereits mehrere hundert Mal hier oben und wir erreichen wieder Gilman’s Point, den Einstieg zum Abstieg.

Der Abstieg, bei nun richtig viel Schnee ist gar nicht so gefährlich und glatt, wie bei dem wenigen Schneegriesel während des Aufstiegs. Im unteren Teil hakt mich Derek unter dem Arm ein und wir können gemeinsam sogar auf dem Schnee und dem Vulkanschotter herunterspringen, so dass wir sehr schnell an Höhe verlieren und auch noch viel Spaß dabei haben. Als wir tiefer kommen trauen wir unseren Augen nicht. Auch unten an der Kibo Hut ist so viel Schnee gefallen, dass die beiden Zelte meiner Träger zusammengebrochen sind. Deshalb darf ich in der Hütte eine Rast einlegen. Ich kann aber nicht schlafen und stehe deshalb gleich wieder auf. Gleich im Anschluss ist der Abstieg zum Horombo Camp auf 3.800m geplant. So brechen wir nach knapp einer Stunde auf und nehmen zum Abstieg die „Coca Cola“ Route in Angriff. Die nun folgende Strecke führte über ein, heute schneebedecktes, ausgedehntes Geröllfeld. Es fängt aber schon überall zu tauen an und wenig später, weiter unten ist auch kein Schnee mehr vorhanden. Es geht nun weiter über sanft abfallendes Buschland in Richtung Horombo Camp, welches im Nebel liegt, als wir es gegen Mittag erreichen. Es ist ziemlich frisch, es gibt aber glücklicherweise eine Hütte, in die ich mich hineinsetzen kann um den Nachmittag zu überbrücken. Dies fällt recht leicht, da sich hier irgendwie alle wieder sammeln. Das Gespann Vater und Sohn aus Nairobi, die den Gipfel heute auch erreicht haben und die ich vor vier Tagen kurz kennen gelernt hatte. Es ist auch noch ein Bayer und ein Schweizer da, die sich erst noch im Aufstieg befinden. Hier erfahre ich auch, dass das australische Pärchen, mit dem ich zusammen aufgebrochen war einen Tag zuvor den Gipfel erreicht habe. Tina aus Australien und ihre Freundin tauchen auch auf und berichten, dass sie es bis Gilman’s Point geschafft haben. So kann ich mich recht angeregt unterhalten und die Zeit vergeht recht schnell.

Nun bin ich aber ganz schön froh, wenn das Unternehmen morgen zu Ende geht. Es war ziemlich hart, so dass ich den Kibo mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein zweites Mal besteigen werde. Es waren die Randbedingungen, die es mir so schwer gemacht haben: Toiletten, Durchfall, fettiges und frittiertes Essen, Kälte, Langeweile und der Nebel und Regen. Aber ich habe es geschafft und ich bin geschafft, so dass ich früh in den Schlafsack krieche und meine letzte Nacht am Berg genieße.