6. Tag (23. Oktober 2008)

Das war knapp! Fast hätte ich es geschafft. Knapp eine halbe Stunde unterhalb des Gipfels musste ich abbrechen. Die Höhe verlangte ihren Tribut. Vielleicht hätte ich mich noch überwunden, weiter zu gehen, aber es machte keinen Sinn, weil die Wolkendecke nicht aufgerissen ist und wir deshalb keinerlei Sicht hatten. So war es wieder an der Zeit abzusteigen.

Aber nun von Anfang an. Heute Morgen sind wir gegen 6:00 Uhr mit dem Auto zum Parkplatz gefahren, der sich in ca. 3800 m Höhe befand. Von diesem Ausgangspunkt ab führte ein leicht ansteigender Weg nach oben. Später verließen wir diesen Weg und setzten unseren Aufstieg durch hüfthohes Spinifax -Gras fort, welches golden leuchtete, als sich die Sonne ein bisschen zeigte. Nach zwei Stunden wird der Aufstieg steiler, und ich fange an zu japsen. Der Wind treibt die Wolken heftig über den Grat. Ich ziehe die Jacke zu! Leider ist ab hier nichts weiter zu sehen als die nächsten 50 bis 100 m. So steigen wir weiter auf. Ein Schritt vor den anderen. Die beiden Bergführer, die mich begleiten, sind noch ganz entspannt und sehen so aus, als würden sie nur einen Sonntagnachmittags-Spaziergang machen. Ich jedoch brauche alle 15 min nun eine Pause zum Durchatmen. Zwischendurch auch einen heißen Tee, um mich aufzuwärmen. Kurz unterhalb des Gipfels kommt die Schlüsselstelle, an der man über einen kleinen Felsvorsprung klettern muss. Ich entschließe mich aufgrund der nicht vorhandenen Sicht, hier abzubrechen, denn auf dem Gipfel gab es auch nichts anderes außer Wolken zu sehen.

Beim Abstieg werde ich angeseilt. Während ich vorsichtig absteige, läuft Luca, der zweite Bergführer, der zur Ausbildung auf diesem Berg mitgegangen ist, wie eine Gämse hinter mir her. Ohne die beiden hätte dieser Aufstieg heute bei diesen Sichtverhältnissen auf keinen Fall funktioniert. Als ich so auf dem Grat absteige, kann ich eher verstehen, wie sich ein Reinhold Messner wohl fühlen mag. Auf beiden Seiten des Grats geht es unendlich und steil hinab, die Sicht ist richtig schlecht, die Luft weiterhin dünn und der Wind lässt die Knochen klappern. Nach einer Stunde Abstieg sind wir wieder unterhalb der Wolken angekommen, und es ist gut zu erkennen, dass heute auch alle umliegenden Gipfel das gleiche Schicksal hatten.

Wieder am Auto ankommen bin ich ziemlich müde und freue mich, meine Füße auszustrecken. Als wir wieder im Lavizna Refugio zurück sind, ziehe ich mich um. Es hat noch eine Kleinigkeit zu Essen gegeben und dazu heißen Tee, der richtig guttut. Wladimir fährt noch nach Machachi und nimmt mich mit zur Panamericana, an der ich auf einen Bus warten kann. Aber ich habe Glück: kaum aus dem Auto ausgestiegen und mich verabschiedet, fährt auch schon der richtige Bus vorbei. Ich strecke den Arm aus und der Bus hält, so dass ich ohne zu warten einsteigen kann und bereits auf dem Weg nach Riobamba bin.

Nach drei Stunden Fahrt komme ich an, nehme ein Taxi und fahre zum Hotel. Erst einmal eine Dusche! Es gab nur kaltes Wasser. Echt hart, aber egal. Hinterher organisiere ich mich neu, besorge Briefmarken, hole das Ticket für den Zug morgen ab und beschäftige mich mit dem Gedanken, mir eine kleine Kamera zu kaufen. Aber ich lasse diesen Gedanken gleich wieder fallen und gehe etwas essen.