13. Tag (30. Oktober 2008)

Frauenlippen

Tena Stadtfest

Im Bus fahren Jakob, mein Guide, und ich zusammen in den Dschungel und erreichen nach ungefähr einer Stunde, während der wir uns ausführlich unterhalten, La Puntta am Rio Napo. Jakob studiert Englisch und macht die Touren, um sein Studium zu finanzieren. Ursprünglich kommt er aus Coco und ist im Dschungel aufgewachsen, bevor er nach Tena umgezogen ist. Im Bus treffen wir noch einen Griechen mit seiner kanadischen Freundin. Wir erfahren von ihm, dass er bereits neun Monate unterwegs ist und in den letzten zwei Wochen ein Floß gebaut hat. Die beiden wollen auf dem Floß in den nächsten vier Tagen den Rio Napo nach Coco hinunterfahren.

Als wir den Rio Napo erreichen, zeigt sich dieser bereits als Strom mit mehr als hundert Meter Breite. Wir steigen um in ein motorisiertes, hölzernes Kanu, mit dem wir flugs ein ganzes Stück flussaufwärts fahren. Vom Fluss aus steigen wir den Hang am Ufer zu einer Lodge hoch. Dort ziehen wir unsere Gummistiefel an und wandern durch den Dschungel. Schon nach wenigen Metern hat das Grün uns verschluckt. Jakob zeigt mir unterschiedlichste Dinge. Es gibt laufende Bäume, die sich einen halben Meter pro Jahr bewegen, Lianen, an denen man schwingen kann, wir sehen eine Tarantel, essen Ameisen, die wir zuvor aus Blättern hervorgeholt haben, versuchen Beeren und schmücken uns mit „Frauenlippen“, einer Blüte, die aussieht wie rote Lippen, wenn man sie in den Mund steckt. Zudem gibt es unzählige Schmetterlinge und vieles andere zu betrachten, was ich bereits vergessen habe. Nach drei Stunden sind wir wieder an der Loge zurück. Ich hatte auf dem Weg meine Orientierung total verloren und war überrascht, als das Gebäude plötzlich vor mir stand.

Nun sitze ich auf dem Balkon mit Blick auf den Rio Napo und den Regenwald während ich auf das Essen warte und ziemlich Hunger habe.

Als wir wieder in Tena zurück sind, wird ein großes Stadtfest gefeiert. Die Menschen stehen dicht gedrängt während der großen Umzugsparade am Straßenrand und beklatschen die farbenfrohen Umzugswagen und feiern dabei die Gründung der Provinz Tena. Durch Zufall treffe ich noch Martin und Irena aus Neuseeland, die ich schon in Riobamba kennen gelernt hatte. Wir trinken ein paar Bier zusammen und unterhalten uns. Im Hintergrund wird Live Musik auf einer Bühne gespielt. Es ist ein ausgelassenes Festival mit vielen Ständen, an denen etwas zum Essen angeboten wird. Als Höhepunkt wird am späten Abend noch ein Feuerwerk abgefeuert.

Wenn man die Leute hier so beobachten kann wie ich heute Abend, gewinnt man den Eindruck, dass heute alles auf den Beinen ist, was mindestens schon stehen kann. Zudem sticht ins Auge, dass fast alle jungen Frauen entweder schwanger sind oder bereits mit Kindern durch die Gegend laufen. Dies ist für ein europäisches Auge ziemlich ungewöhnlich.