10. Tag (27. Oktober 2008)

Rio Pastaza

Pailon del Diablo

Heute Morgen hat es wieder einmal geregnet. Nichtsdestotrotz habe ich mir ein Fahrrad ausgeliehen und bin danach erst einmal frühstücken gegangen, da es in meinem Hostal doch kein Frühstück gab, wie ich angenommen hatte. Das Fahrrad ist in recht gutem Zustand, ich bekomme noch einen Ersatzschlauch, Flickzeug und ein Schloss mit. Den Helm lehne ich ab. So stehe ich nun auf der San-Francisco-Brücke und warte auf Uwe und Udine, da wir uns zur Tour verabredet hatten. Da sie heute Morgen noch etwas zu organisieren hatten, wundert es mich auch nicht, als sie nicht auftauchen. So fahre ich alleine los. Es geht immer die Straße runter, und ich lasse es einfach nur rollen: am Stausee vorbei und über die Brücke auf die andere Seite des Tals. Ab hier wird die Strecke sehenswert. Ein gegenüberliegender Wasserfall ist sehr imposant anzuschauen. Kurz danach durchfahre ich mit dem Rad einen unbeleuchteten Tunnel. Das Tal schneidet noch steiler ein, und die Hänge sind mit üppigem Grün bewachsen. Bei den nächsten Tunneln kann man mit dem Rad auf der alten, schmal an den Hang gepressten Schotterpiste bleiben. Aus den überhängenden Felsen fließt Wasser an zwei Stellen als Wasserfall mitten auf die Straße. So geht es weiter talwärts. Ich halte immer wieder an, um mir die Landschaft anzuschauen. Als ich an der Brücke über den Rio Blanco ankomme, treffe ich auf eine Gruppe Jugendlicher, von denen sich ein paar beim Bungee-Springen beweisen wollen. Ich schaue eine ganze Weile zu. Zwei Mädchen kneifen auch beim dritten Versuch. Ein Typ springt anschließend und wird bejubelt.

Als sich die Gruppe aufmacht, mit den Rädern weiterzufahren, steige ich auch in den Sattel und höre meinen Namen. Als ich mich umschaue, erkenne ich Udine und Uwe. Sie hatten etwas länger gebraucht. So fahren wir zusammen weiter und erreichen kurz darauf den Manto de la Novia Wasserfall, der wohl gut 70 m auf der anderen Seite des Tals in die Tiefe stürzt. Wir schließen die Räder ab und steigen zu einer alten Hängebrücke hinab, die den Fluss überspannt. Leider kommt man auf der anderen Seite nicht näher an den Wasserfall heran, da der Zugang durch ein verschlossenes Touri-Ressort versperrt wird. Es ist jedoch erstaunlich, wie bereit und reißend der Rio Pastaza sich zeigt, wenn man ihn aus der Nähe betrachten kann. Die Luft ist aber deutlich wärmer hier unten. Nach einer Weile steigen wir auf und fahren mit einer Korbseilbahn auf die andere Seite näher an den Wasserfall heran. Die Fahrt in 100 m Höhe über der Schlucht ist aufregend. Der Korb wird vor dem Wasserfall gestoppt, so dass wir diesen ausgiebig betrachten können. Auf der anderen Seite steigen wir aus, setzen uns auf Felsen im Bachlauf und genießen die Sonne. Anschließend gehen wir an die Kante, von der die Wassermassen in die Tiefe stürzen, schauen in die Tiefe und genießen den Ausblick.

Nachdem wir mit der Seilbahn wieder auf der Straße auf der anderen Seite zurück sind, schwingen wir uns auf die Räder und fahren weiter das Tal hinunter. Es ist eine spektakuläre Strecke im Zuge derer sich die Vegetation an den Berghängen schnell verändert, je weiter wir ins Amazonas-Tiefland hinunterkommen.

In Rio Verde angekommen gehen wir zuerst einmal etwas essen. Es gibt leckere Forellen mit Salat und Reis. Frisch gestärkt schauen wir uns den Pailon del Diablo Wasserfall an. Von oben ist dieser nicht zu erkennen. Als wir den Weg hinunter folgen, wird vom Wasserfall immer mehr sichtbar. Auf den ersten Blick schon erscheint dieser sehr beeindruckend. Doch als wir näherkommen und die Hängebrücke betreten, eröffnet sich der ganze Blick auf den Wasserfall und wir alle sind mehr als hingerissen. Der Wasserfall besteht aus mehreren Kaskaden. Zuoberst fällt das Wasser sicherlich über 80 m in einen gewaltigen Pool. Von dort schießen die Wassermassen über weitere drei bis vier Kaskaden etwa denselben Höhenunterschied hinunter, um sich in den braunen Rio Pastaza zu ergießen. Über unseren Köpfen kreisen unterdessen mehrere Adler und lassen sich vom Wind treiben. Entsprechend beeindruckt wollen wir näher heran und besteigen die Aussichtsplattform knapp oberhalb des gewaltigen Pools. Die Gischt des Wassers liegt in der Luft, es ist kühl, und die ganze Luft wummert durch die mit Wucht ins Becken donnernden Wassermassen. Bereits nach einer kurzen Weile ist die Kleidung feucht, aber wir wollen mehr! Von der Plattform aus führt ein Kriechgang, der in den senkrechten Felsen gehauen ist, weiter hinauf. Durch kleine Löcher mit Stufen zwängen wir uns hindurch und erreichen eine weitere, erstaunlich trockene Plattform. Hier befindet man sich nur wenige Meter von den Wassermassen entfernt. Von dort aus führen weitere Stufen weiter nach oben, so dass man sich direkt hinter den Wasserfall stellen kann. Es ist ein sensationelles Erlebnis, vor sich die ungeheuren Wassermengen in Bruchteilen von Sekunden vorbeischießen zu sehen. Nach wenigen Minuten war ich nass und musste den Rückzug antreten. Der Pailon del Diablo ist ein weiterer, spektakulärer Höhepunkt. Nachdem wir wieder aus der Schlucht aufgestiegen und oben an der Straße angekommen waren, trinken wir noch einen herrlichen, frisch gepressten Obstsaft. Diese Säfte werden hier überall angeboten, und man bekommt sie auch zu jedem Frühstück.

Mit einem Pickup fahren wir nach Banos zurück und werfen die Räder einfach hinten drauf. Als wir Banos erreichen, schüttet es und so verabschiede ich mich von Udine und Uwe rasch und ziehe mich ins Hostal zurück.