7. Tag (25. September 2007)

Das weiße Haus

Ich werde wachgerüttelt, weiß im ersten Moment gar nicht, was los ist und erkenne dann unsere Schaffnerin. In nicht ganz zwei Stunden erreichen wir schon Irkutsk, unser Ziel. Wir sollen uns fertigmachen und unser gesamtes Geraffel zusammenpacken. Es bricht fast ein bisschen Hektik aus, als wir feststellen, wie sehr wir uns in den letzten drei Tagen im Abteil eingerichtet hatten. Aber wir bekommen soweit alles auf die Reihe, dass wir sogar noch eine halbe Stunde haben, bevor der Zug im Bahnhof einfährt. So sitzen wir und genießen die letzten Meter unserer 5.100 km langen Fahrt. Wir rollen sehr langsam in den Bahnhof ein, wie wir es eigentlich bei jedem Bahnhof getan haben. Es ist eben doch eine Langstrecke und nicht Hochgeschwindigkeit. Schließlich hältd er Zug mit quietschenden Bremsen. Ich kann schon durch das Fenster draußen meinen Namen auf einem Schild erkennen. Wir verabschieden uns noch voneinander und dann steige ich aus. Irkutsk die Stadt in der Baikal Region, direkt an der Angara, dem Abfluss des Baikals Sees.

Nach kurzer Vorstellung gehen wir zum Auto. Während der Fahrt bekomme ich sämtliche nützliche Dinge über die Stadt erklärt und komme schließlich an einem sehr alten, traditionellen Holzhaus an, in dem meine Gasteltern wohnen. Urba, die ältere Frau spricht nur russisch. Die wichtigen Dinge im Haus jedoch stehen auf kleinen Zetteln in englischer Sprache. Mein Zimmer ist hübsch und gemütlich eingerichtet. Als ich wieder aus der Dusche komme, fühle die ich mich wie neu. Ich bin im Herzen Sibiriens angekommen!

Zu meinem Stadtrundgang ziehe ich alleine los, suche jedoch erst einmal sehr lange die Post. Diese finde ich dann in einem recht unscheinbaren Gebäude und werde meine Postkarten los. Gleich nebenan setze ich mich in ein Café und esse zuerst einmal zu Mittag. Das Essen ist lecker, und die Bedienung im Minirock auch.

Als ich wieder auf die Straße trete, lugt sogar die Sonne ein wenig hervor und die schmutzigen Straßen mit ihren riesigen Wasserpfützen sehen gar nicht mehr so trist aus. Am Nachmittag treffe ich Vera, meine Fremdenführerin für die Stadtbesichtigung. Nein, natürlich eine andere Vera als in Moskau. Sie erklärt, wie die Stadt gegründet wurde, zeigt mir die Erlöserkathedrale und weist mich auf die unterschiedlichen Religionen und Kirchen in der Stadt hin. Die Erlöserkathedrale ist das älteste Steingebäude in Sibirien und zugleich sehr selten als zweistöckiges Gebäude gebaut. Zudem besitzt das Gebäude auch noch auf der Außenfassade Fresken. Oben befindet sich die Sommerkirche und unten die Winterkirche. Die unmittelbar benachbarte Kirche ist die Erscheinungs-Kirche, die wieder für Gottesdienste genutzt und innen momentan mit Fresken bemalt wird. So erlebe ich zum ersten Mal, wie Fresken hergestellt werden. Wir gehen weiter die Leninstraße hinunter und wechseln dann die Straße in Richtung Zentralmarkt, biegen jedoch vorher rechts ab und gehen die Hauptstraße runter zur Angara. Dabei kommen wir am Lenin-Denkmal, dem Theater und am Heimatkundemuseum vorbei. Das Museum besichtigen wir anschließend und ich erfahre etwas über die Geschichte der Jakurten, Bujarten und Enwenken, die in dieser Gegend immer noch die Hauptbevölkerungsgruppe bilden.

Das Weiße Haus, welches die erste Villa der Stadt war, ist heute die Bibliothek der Uni und bildet den Abschluss unseres Stadtrundgangs. Da es recht kalt ist, mache ich den Vorschlag, dass wir noch gemeinsam in ein Café gehen, um uns aufzuwärmen. So sitzen wir noch fast zwei Stunden zusammen und unterhalten uns. Auf dem Rückweg treffe ich noch Daan und Merel, meine Bekannten aus dem Zug. Spontan verziehen wir uns in ein anderes Café und unterhalten uns bei einer heißen Schokolade, die so ganz anders ist, als wir sie in Westeuropa kennen. Denn es handelt sich wirklich um pure flüssige Schokolade und schmeckt lecker!