8. Tag (08. November 2003)

Petite Anse

Petite Anse

Uhu, war das eine Nacht! Es hat die ganze Nacht geschüttet und ich hatte noch ein spezielles Erlebnis. Mitten im Schlaf schrecke ich hoch und spüre einen Schmerz als wenn mir zwei große Nadeln in den Fuß gerammt werden. Als ich das Licht anschalte sehe ich gerade noch einen „Hundertfüßer“ über meine Bettdecke huschen. Ich habe keine Ahnung was es mit diesem Vieh auf sich hat und beschließe erst einmal wach zu bleiben um zu beobachten ob mein Fuß schnell anschwillt. Dies ist nicht der Fall, jedoch entdecke ich den Übeltäter erneut und mache ihn mit meiner Taschenlampe unschädlich. Nach einer halben Stunde lege ich mich wieder hin.

Am Morgen ist der Fuß leicht geschwollen und ich informiere die Leute im Guesthouse. Durch den Regen in der Nacht hat sich der Hundertfüßer wohl einen trockenen Platz gesucht und musste dieses mit seinem Leben bezahlen! Jedenfalls wurde mir erklärt, dass es sich bei dem Biss um etwas Vergleichbares wie ein Bienenstich handelt. Sie gaben mir eine Salbe die ich dann auf meinen Fuß schmierte.

Nun ja, ich lasse den Tag deshalb langsam anlaufen, es tröpfelt immer noch ein wenig und so lasse ich mir heute beim Frühstück sehr viel Zeit, zumal meine kleine Freundin Aisha wieder einmal beim Frühstück auf meinem Schoß sitzt und faxen macht. Seit ich hier angekommen bin macht Sie jedes Mal große Augen, wenn sie mich sieht. Ein echt süßer Fratz.

Da es ein bisschen heller zu werden scheint gehe ich an den Strand hinunter und werde zu meiner Überraschung Zeuge eines kleinen, aber trotzdem eindrucksvollen Naturschauspiels. Gleich neben dem Restaurant „fließt“ ein kleiner Bach ins Meer und bildet eine kleine Lagune, da der Sand am Strand von den Wellen zu einem „Staudamm“ aufgespült wurde. Durch den Regen heute Nacht sammelte sich ziemlich viel Wasser hinter der Sandbarriere. Zudem hatten wir gerade Ebbe, so dass der Höhenunterschied doch ziemlich groß war. Gerade zu dem Zeitpunkt als ich dazu kam begann das Wasser durch den Sand hin durchzusickern.

Plötzlich war eine kleine Bresche geschlagen und von diesem Zeitpunkt an gab es nun kein Halten mehr. Der „Dammbruch“ war nicht mehr zu verhindern. Das Wasser begann langsam an der Oberfläche zu strömen und riss immer mehr Sand mit sich. Es entstanden kleine, vielleicht Hand hohe Stromschnellen, später größere, die sich im Sekundentakt wieder veränderten. Am Rand brachen nun immer mehr und immer größere Sandbrocken weg und wurden fortgerissen. Die ersten Kokosnüsse schwammen durch den nun doch schon fast zwei Meter breiten Graben. Dies war jedoch nur der Anfang wie sich bald darauf herausstellen sollte. Immer größere Wassermassen setzten sich in Bewegung. Alsbald war auch auf der Oberfläche im hinteren Teil des Beckens schon Bewegung erkennbar. Der Sand wurde immer schneller und in größeren Massen fortgerissen. Die Stromschnellen hatten nun schon eine Höhe von ca. einem halben Meter und an ein durchqueren des Baches war nun nicht mehr zu denken. Nun schossen die Kokosnüsse, Äste und Palmwedel nur noch so an einem vorbei. Das Wasser hatte sich bereits gut einen Meter in den Sand gefressen und der zum Teil felsige Untergrund kam zum Vorschein, die Breite ist bereits auf gute 15m angewachsen und ein tief im Sand verborgener Stamm einer Palme wurde ausgegraben und unterspült. Die Wucht des Wassers war nun so groß das dieser Stamm quer zur Strömung gedrückt und schließlich mitgerissen wurde. Das Meerwasser hatte sich mittlerweile ziemlich braun gefärbt und am Strand liegen unzählige Kokosnüsse, Äste, Zweige und sonstiges Grünzeug. Etwa nach einer halben Stunde war der Spuck vorbei. Das meiste Wasser war abgelaufen und nur noch ein kleines Rinnsal befand sich in der riesigen Bresche die das Wasser in den Strand gerissen hatte. Ich bin mal gespannt darauf wie lange die Wellen brauchen um die Tonnen von Sand wieder auf dem Strand aufzutürmen. Aber wenn ich so hinschaue hat diese Arbeit bereits begonnen.

Nach diesem Erlebnis habe ich mich nun doch noch dazu entschieden dem Tipp von Herbert zu folgen und in die Petite Anse zu gehen. Ich steige in Baie Lazare aus dem Bus aus und laufe den Hügel hinauf zu Harvey’s Café wo die Straße an die Küste abzweigt. Es ist ein ganzes Stück zu gehen, jedoch, wenn man den ganzen Tag Zeit dazu hat ist es kein Problem. Ich biege rechts ab und komme anschließend an eine Gabelung. Dort verlasse ich die Straße und folge einem Dschungelpfad durch üppiges Grün, welches nach dem Regen heute Nacht sehr viel intensiver riecht und eine hohe Luftfeuchtigkeit besitzt. Ich genieße den leicht abfallenden Pfad. Es muss ein alter Weg sein den der Regenwald schon zur Hälfte wieder zurückerobert hat. Ich bin hier alleine unterwegs und von fern ist das Rauschen des Meeres in der Petite Anse schon zu hören. Der Regenwald wurde am Schluss so dicht das man in gebückter Haltung vorwärtsgehen musste. Doch plötzlich tritt man heraus und steht an einem weißen, leeren Strand, der dem Wort „petite“ nicht unbedingt Ehre macht. Die Bucht ist wunderschön und ich verbrachte dort den ganzen Nachmittag und genoss den ganzen Strand für mich alleine zu haben.

Auf dem Rückweg mache ich noch einen Abstecher zur Anse Solei und trinke gemütlich im Schatten einen Kaffee. Der Strand selbst war meines Erachtens viel zu klein und im Vergleich zur Petit Anse kaum erwähnenswert. Deshalb habe ich mich dort auch nicht mehr lange aufgehalten und bin zurück zum Bus gelaufen. Als ich jedoch kurz vor Baie Lazare bin erklingt fröhliche Musik und ich denke im ersten Moment an ein Fest oder ähnliches. Jedoch stellt sich bald heraus, dass die Musik zu einer Beerdigung auf dem Friedhof gespielt wurde. Für meine Ohren war dies ein befremdlicher Zusammenhang, aber man muss ja nicht alles im Leben verstehen.