9. Tag (14. September 1994)

Als ich gerade ausgecheckt und mit dem Taxi zur Greyhoundstation gefahren bin, da hatte ich noch keine Ahnung, wann der Bus nach Denver fährt. Jetzt weiß ich es. Heute mittag um 1330 Uhr, Ankunft in Denver morgen um 7 25 Uhr. Das heißt noch 4 ½ Stunden warten. Aber egal, ob ich jetzt hier in der Greyhoundstation die Zeit totschlage, im Hostel oder ob ich in die City gefahren wäre, wäre das gleiche geblieben, weil es nirgends etwas zu sehen gibt, was ich nicht schon gestern angeschaut habe. Die ameri-kanischen Städte haben so wenige Sehenswürdigkeiten, daß man sie auch bei diesen großen Entfernungen fast alle an einem Tag besichtigen kann. Erstaunlich ist nur, was die Amis als Sehenswürdigkeit in diver-sen Führen beschreiben. Manche Sachen würden in Europa nicht einmal erwähnt, was hier groß ange-priesen wird. — Aber man merkt hier wenigstes schon, daß man immer mehr in den Westen kommt. Je-denfalls an dieser Greyhoundstation. Die Verbindungen werden länger. Von hier aus gibt es Busse an die Westküste ohne Umsteigen. Los Angeles, San Francisco, Portland. Reisezeit zwischen 36 und 45 Stunden. Absolut enorm!
Ja, ja! Greyhound fahren ist schon ein Erlebnis. Was man da für Typen sieht ist absolut beispiellos. Ver-kappte alte Hippies mit 10 Tage Bart, cooler Sonnenbrille, fertigen Jeans, Harley Davison T-Shirt und langen Haaren. Dann wieder Leute mit freiem, speckigen Oberkörper, die Hose nur noch von überbean-spruchten Hosenträgern gehalten und dazu dann noch einen Cowboyhut tief ins unrasierte Gesicht gezogen. Hinzu gesellen sich dann noch ganze Familien mit Kind und Kegel, Schwarze, bei denen man meinen kann, das sie aus einem Bodystudio ausgebrochen sind, im Gegensatz zu anderen, die aussehen, als wenn sie gerade aus Vietnam heimgekehrt sind. Aber hauptsächlich arme und fertige Leute und hin und wieder auch ein paar Packpacker wie ich. Aber so fette Leute wie hier in Amerika und in dieser Anzahl sind mir noch nirgends vor die Augen gekommen. 150 Kg sind wahrscheinlich noch gar nichts, da fängt es erst an, und solche Leute tragen dann noch weit geschnittene Klamotten oder enge Leggins. Das sieht dann zum Schreien aus. Kaum auszuhalten.
Seit 2 Stunden sitze ich nun schon wieder im Bus. Wir fahren den Interstate 70 nach Kansas City und die Landschaft verändert sich immer mehr. Man spürt förmlich, daß man immer mehr in den Westen kommt und die weiten Kornfelder von Kansas sind fast schon zu riechen könnte man meinen. Die Landschaft wird zunehmend flacher und weiter, wir sind kurz vor der Prärie.
Der Bus wird immer voller auf den Weg nach Kansas City, jetzt sind schon fast alle Sitze belegt. Gerade hat ein recht hübsches Mädel neben mir Platz genommen, was wesentlich angenehmer ist als der Pa-nasonic TV auf den letzten 100 Meilen. So viel wie ich jetzt mitbekommen habe, studiert Sie glaube ich so etwas wie Theologie. Sie ist echt ein Rasseweib! Mexikanischer Typ, 23 Jahre alt, ca. 1,70 m groß, tiefschwarze Augen, lange Wimpern, pechschwarzes, langes Haar streng nach hinten gekämmt und dazu einen atemberaubenden Kußmund. Einfach klasse!