18. Tag (23. September 1994)

San Francisco

Jetzt ist es passiert, das erste Mal Regen in den Staaten. Ich konnte mich, nachdem ich mein Gepäck bei der Greyhoundstation eingelagert habe gerade noch zu meinem Freund retten, bevor es in Strömen goß. Ich hatte eigentlich nicht erwartet, das es gerade in Californien das erste Mal regnet. So erlebt man halt seine Überraschungen. Na mal sehen was ich heute noch mache, denn mein Bus ins sonnige Südcalifornien fährt erst heute abend um 10 00 Uhr.
Amerika ist unglaublich. Gleich neben meinem Freund hat einer für 5,— Dollar Regenschirme verkauft, so daß ich noch mal zur Fishermen’s Warf gelaufen bin. Und es stellt sich hier die Frage: “Sind die Souve-nirläden wegen der Touristen hier, oder die Touristen wegen der Souvenirläden?” Diese Frage ist nämlich gar nicht so leicht zu beantworten.
Das Wetter jedenfalls wird wieder besser, was ich von meiner Erkältung nicht gerade behaupten kann. Auch meine alten Schuhe sind ziemlich naß und ich würde am liebsten jetzt meine Neuen anziehen und diese hier wegwerfen, aber mir machen immer noch meine Blasen von Boulder zu schaffen und so wird es sicherlich noch eine ganze Weile dauern, bis ich die Alten los werde.
Wie ich jetzt wieder so auf meinen Bus warte, muß ich doch feststellen, daß der soziale Unterschied hier doch gewaltig ist, und daß es die armen Leute hier sehr schwer haben. Wenn ich nur an die Dutzenden von Menschen denke, die man hier bettelnd und in Mülleimern wühlend sieht oder andere wiederum, die kein Auto haben und ihre Verwandten oder sonst Wen mit dem Bus besuchen müssen. Solche Leute haben es schon verdammt schwer, so mit Kissen, Kinderspielzeug, Taschen und Plastiktüten bepackt loszuzie-hen. Aber so etwas muß ja passieren, wenn z. B. im McDonalds die Leute für 4,25 Dollar in der Stunde arbeiten. Das weiß ich von Stephan, der sich Arbeit in Philadelphia suchen wollte, dies aber unter solchen Bedingungen dann doch lieber bleiben ließ. Irgendwie verständlich, oder?
Gerade habe ich von einer hübschen Chinesin, die neben mir auf ihren Bus wartet die Information be-kommen, daß es in Los Angeles heiß sein soll. Endlich mal wieder Sommer, nachdem es hier so ver-dammt neblig war und mit 200 C doch ziemlich kühl. Ich denke auch, daß es in Las Vegas so um die 30 bis 350 C hat und ich mich wahrscheinlich richtig wohl fühlen werde und bis dahin dann auch endlich meine Erkältung weg sein wird. Gerade dröhnt mir ABBA über meinen Walkman die Ohren voll und ich freue mich schon ganz gewaltig auf Las Vegas. Endlich mal das tun wozu ich schon lange Lust habe. In einem bequemen Hotelbett schlafen, nichts anschauen, abends mal wieder bißchen Party und vor allem mal wieder zocken. Aber nur die edlen Sachen, wie Roulette und Black Jack. Einarmige Banditen, die ich auf meinem Weg durch Nevada hierher schon gesehen habe sind zwar faszinierend, aber total langweilig und deshalb uninteressant. Und dann natürlich wieder mit einem Auto unterwegs sein. Ich hoffe doch irgendwie sehnlichst, daß es danach in San Diego mit einem Driveaway klappt und ich mal Auto fahren kann bis zum Abwinken. Aber jetzt geht es erst einmal nach Los Angeles und über Pläne zu sinnieren ist eh überflüssig, wie man es an den Niagara Fällen und in Denver gesehen hat. Irgendwelche Pläne mit Hawaii sind auch gestorben, obwohl ich hier in San Francisco ein Angebot für 400,— Dollar eine Woche mit Flug und Hotel gesehen habe. Aber ich finde ich erlebe auch so schon wahnsinnig viel, daß so etwas zwar toll, aber sicherlich einfach zu viel wäre, denn wenn ich nach Hause komme werde ich sicherlich noch mal genauso viel Zeit zum Verarbeiten brauchen, wie für den Urlaub selbst.
Go easy, go simple, go Greyhound! Dieser Slogan ist ja nur Scheiße, denn Verspätungen, Chaos und an-dere Unzulänglichkeiten sind an der Tagesordnung. Unser Bus hat hier in San Francisco eine um 30 Mi-nuten verspätete Ankunft aus Los Angeles. Es ist einfach unglaublich! Gerade habe ich mein Gepäck in die obere Ablage gequält und hoffe nun, daß sich niemand neben mich setzt, um wenigstes ein bißchen Platz zum Schlafen zu haben. Mal sehen, wie es morgen früh dann ist.